Vom tiefen Sinn der Zuversicht und warum wir sie oft gerade in den schwierigsten Momenten finden

Juli 29, 2026

Vom tiefen Sinn der Zuversicht und warum wir sie oft gerade in den schwierigsten Momenten finden

Zuversicht ist ein zartes Geschöpf und doch fast unverwüstlich. Warum wir oft just in der Krise oder Katastrophe lernen, offener für das Wunder des Lebens zu werden.

Dieser Blogbeitrag entstand im Rahmen der Blogparade #Zuversichtfinden meiner lieben Kollegin Pia Hübinger. Gedanken zum Thema Zuversicht spukten schon lange in meinem Kopf herum und ihr wunderbarer Themenimpuls half mir, sie nun zu sortieren und konkret werden zu lassen. Tausend Dank!

1. Der Moment, in dem meine Zukunft starb – und neu geboren wurde

Ich war Anfang zwanzig und mein Lebenstraum war gerade zerbrochen: Eine Kooperation mit einem Tonstudio hatte krachend und überraschend geendet und meine Musik, für die ich alles gegeben hatte, würde nie mein Beruf werden. Gleichzeitig war eine große Liebe gescheitert.

Als mich die volle Härte dieser Realisation traf, ging ich gerade die Straße, in der ich damals in Freiburg wohnte, entlang – umgeben von absurd fröhlich-opulenter Frühlingsnatur. Und dachte zum ersten Mal in meinem Leben: Ich sehe keinen Weg mehr. Mein Leben wird nie mehr schön und wie ich es mir wünsche.

Ich weiß noch wie heute das Gefühl völliger Hoffnungs-, Perspektiv- und Sinnlosigkeit.

Und dann kam mir, typisch Singer-Songwriterin eben, die erste Zeile eines neuen Lieds in den Kopf:

„When your dream is lost, you´ve got to hold on, because … all might not be lost.“
„Wenn dein Traum verloren ist, dann gib nicht auf, weil du nicht weißt, wie es weitergeht.“

Es war sehr stark, sehr klar. Und dann kam als nächstes: Nichts!

Keine weitere Zeile. Nur diese verdammte eine.

2. Warum Zuversicht mehr ist als Hoffnung

Ich wartete und hoffte so sehr, dass das Lied mir als nächstes verraten würde, wie es weitergehen sollte – nur ein Schnipsel einer Idee! Aber woher auch immer die Musik in Köpfe kommt: „Es“ schwieg hartnäckig.

Und so blieb die eine Zeile hängen. Innerlich ehrlich gesagt mit einem Fragezeichen am Ende: „All might not be lost?“

Aber irgendetwas in mir war trotz tiefster Depression auf eine Weise aufgewacht – und neugierig. Bei allen Tränen, die ich noch weinte: Beobachtend. Vielleicht auch innerlich sammelnd für den Rest der Lyrics, falls die Muse gedenken sollte, sich irgendwann erneut zu zeigen. Was sie auch tat – gut 10 Jahre später.

In der Zwischenzeit lernte ich, mit der offenen Frage zu leben. Und ich glaube, ich wäre heute nicht die, die ich bin, wäre damals gleich eine schlaue zweite Zeile für das Lied mitgeliefert worden.

Ich begann, mir noch tiefere Fragen zu stellen, als das Philosophiestudium bereit hielt. Ich fragte mich, woher diese Zeile gekommen war: Aus meiner Intuition, meinem Unterbewusstsein oder von ganz woanders? Ein bischen Hoffnung war auch dabei, klar. Aber entscheidend war etwas anderes: Zum ersten Mal begriff ich, dass ich weder Sicherheit und Gewissheit brauchte, noch Hoffnung, noch Kenntnis des Wegs in die Zukunft. Etwas in mir begann, sich von einem starren Lebensplan, so schön er auch gewesen war, zu lösen. Irgendwie offener zu werden – und damit auch lebendiger.

Es war ein äusserst schmerzhafter und angsterregender Prozess – aber im Rückblick ein echter innerer Wendepunkt.

3. Zuversicht: Das Netz, aus dem das Leben gewoben wird

Nicht nur mich, sondern auch die Wissenschaft beschäftigt die Frage, was uns in solchen Situationen eigentlich trägt. Ein wichtiges Konzept ist in den letzten Jahren und Jahrzehnten das der Resilienz, der seelischen Widerstandsfähigkeit, geworden.

In der Resilienzforschung gilt „Optimismus“ gilt als eine der sieben Säulen der Resilienz. Sie ist also sogar auch ein wissenschaftlich validierter psychischer Schutzfaktor.

Denn gemeint ist damit natürlich keine naive Schönfärberei, toxisches Positivdenken oder Zweckoptimismus, sondern eine Weise, bewusst mit sich selbst und dem Leben und seinen Herausforderungen in Beziehung zu treten.

Das klingt abstrakt, ist aber Lebensweisheit pur.

4. Ist Zuversicht in einer Welt voller Krisen nicht naiv?

Zuversicht bedeutet nicht, dass ich glaube, alles wird schon irgendwie „gut“. Das wissen wir nicht. Wir müssen / dürfen uns auch darum kümmern. Und die großen Krisen unserer Zeit stellen uns vor Herausforderungen, vor denen wir schon mal den Mut verlieren können. Aber bitte nicht die Zuversicht!

Zuversicht ist für mich tiefer, existenzieller und philosophischer zugleich als „wird schon“-Optimismus: Sie ist (m)ein tastendes Vertrauen, dass das Leben weitergeht und neue Möglichkeiten entstehen können, selbst wenn ich sie gerade noch nicht sehen kann.

Optimismus als Grundhaltung dem Leben gegenüber ist etwas, was daraus im Laufe der Zeit entstehen kann. Diese äußere Lackschicht bekommt immer wieder Kratzer durch den Kontakt mit der Realität. Aber darunter ist für mich die Zuversicht, die erstaunlich unkaputtbar ist, auch wenn unser Verstand sich vielleicht in der schlimmsten Krise eine andere Geschichte erzählt.

Vielleicht ist Zuversicht das stille Ja zum Leben und vom Leben, auch wenn der Verstand gerade Nein sagt.

Interessanterweise gehen auch Traditionen, die betonen, dass das Leben voller Leiden ist (Yoga und die Veden, der Buddhismus, aber auch die monotheistischen Religionen), in der Tiefe von einem wohlwollenden und freundlichen Universum aus und der Möglichkeit der Transformation, der Freiheit und des persönlichen Lernens.

Daher ist Zuversicht und Optimismus samt Lernoptimismus heute einer meiner wichtigsten Werte. Und das ist aus meiner Sicht nicht naiv, sondern mutig. Denn es bedeutet, dass man sich immer wieder mit dem Leben, wie es wirklich ist, in Kontakt bringt und in Kauf nimmt, dass das Kratzer gibt oder die Geschichte kein hübsches Hollywoodende bekommt. Aber man wagt es, das Leben.

Und ich finde, dazu brauchen wir mutige Zuversicht, die sich über den Rand des bisher Bekannten, Vertrauten und Denkbaren hinauswagt, in die Zukunft. Insbesondere, wenn wir glauben, dass die Zukunft, die wir gerne gehabt hätten, so nicht mehr eintreten wird. Es könnte auch anders (gut) werden…

5. Was mir hilft, wenn meine Zuversicht wankt

Zuversicht ist nichts, das man in bester Laune und an guten Tagen wirklich bemerkt. Wahrscheinlich ist sie da auch dabei, aber so richtig bewusst wird sie uns meist erst, wenn sie uns irgendwo in innerer Finsternis überraschend findet.

Trotzdem können wir auch lernen, sie zu kultivieren und einzuladen, wenn wir sie brauchen.

Im folgenden einige Aspekte, die mir persönlich dabei helfen:

Musik: Musik kann Räume in uns öffnen, zu denen unser Verstand die Tür nie finden würde. Sie kann uns an etwas in uns er-innern, in Schwingung und Resonanz versetzen und so anregen, auch das Leben selbst wieder mehr zu spüren und seine Schwingungen zuzulassen.

Der Atem: Zum Zeitpunkt der eingangs geschilderten Szene hatte ich auch meine erste Panikattacke. Es war ein Erlebnis des extremen Kontrollverlusts und emotionalen Zusammenbruchs, das mich letztlich auch das erste Mal in Kontakt mit Psychotherapie brachte (auch das war ein Anstoß, dessen Bedeutung mir erst mehr als 20 Jahre später bewusst wurde. Wer weiß, ob ich ohne dies heute Heilpraktikerin für Psychotherapie wäre?).

Jedenfalls war ich damals mit meiner Panikattacke alleine und wusste auch nicht, was da geschah. Ich dachte nur, dass ich sterbe, weil ich vor lauter Weinen und Angst keine Luft mehr bekam. Aber auf einmal merkte ich, inmitten meines Zusammenbruchs und meiner Panik: Doch, ich bekomme Luft. Mein Körper nutzt jede Millisekunde Pause im Heulkrampf, um schnell Sauerstoff zu tanken. Es war nicht schön, aber mein Körper versorgte mich selbst in diesem Moment, als der Rest von mir nicht mehr konnte.

Es klingt vielleicht ein wenig seltsam, aber auch darauf können wir auf eine Weise vertrauen.

Kinder und Tiere Manchmal genügt der offene Blick eines kleinen Kindes oder eines Tiers, um sich daran zu erinnern, dass die Welt größer ist als die eigene Angst.

Achtsamkeit: Achtsamkeit ist für mich keine Technik, sondern eine Haltung und ein Weg. Sie hilft mir immer wieder, von meiner Geschichte im Kopf zurück ins Hier und Jetzt und ins Leben zu kommen.

Neugier: Sich fragen, was als Nächstes kommt: Ein Atemzug? Eine Idee? Ein Anruf? Ein Seufzer? Eine endlich wieder etwas erholsame Nacht? Ein Traum, der einen Zusammenhang zeigt? Eine wertvolle Begegnung?

Das Leben wirken lassen. Und sich tragen lassen. Vom nächsten Schritt aus hat man eine neue Perspektive, die man jetzt noch gar nicht haben kann. Offenheit, Wunder und Staunen sowie eben Neugier nehmen enorm Druck heraus.

Ressourcenbewusstsein und Lösungsorientierung: Auf das schauen, was geht – und das stärken und nutzen, was funktioniert. Klingt simpel, aber oft gerät das gerade in schwierigen Zeiten aus dem Blick. Dieser ganzheitliche Blick auf das Leben, und nicht nur unsere Probleme und Herausforderungen, ist aus meiner Sicht einer der wichtigsten Schlüssel zur Wirksamkeit, auch wenn wir uns überfordert, verloren und ohnmächtig fühlen.

Der Intuition vertrauen: Das Leben will leben und findet seinen Weg, wie Wasser. Wenn wir auf unsere innere Stimme zu hören, machen wir es dem Fluss des Lebens leichter, auch in uns wieder wirksam zu werden.

Wertebewusstsein: Unsere Werte können uns Leitsterne sein – gerade wenn in unserem Leben Chaos herrscht. Es lohnt sich, unter die Oberfläche unserer vermeintlichen Werte zu schauen und zu spüren, was uns wirklich in der Tiefe antreibt, gerade wenn da Widerspruch, Schmerz und Spannung ist.

Vorbilder verankern: Das können weise Menschen sein, die Schweres durchgemacht haben und daran gewachsen sind wie Maya Angelou, Nelson Mandela oder vielleicht auch unsere eigenen Vorfahren. Manchmal gibt es einen Zitat oder einfach ein Bild dieses Menschen, das wir in unsere Räume bringen können und so von ihnen Kraft und Zuversicht „borgen“.

Auch die Natur ist ein wunderbares Vorbild: Mich inspirieren Pflanzen, die unter den schwierigsten Bedingungen einfach wachsen und sich der Sonne zuwenden, immer wieder.

Humor: Humor hilft, unsere Mindfucks zu dekonstruieren und einen Schritt zurückzutreten und das kosmische Spiel zu bewundern. Um es mit Mark Twain zu sagen: „Mein Leben war voller schrecklicher Katastrophen. Von denen die meisten nie eingetreten sind.“

Wir sind Meister im Katastrophisieren (oder „Hinein-Theatern“, wie man in Österreich wohl sagt). Warum werden wir nicht Meister*innen im glückliche Wendungen für möglich halten?

6. Zuversicht als meine berufliche Verbündete

Heute arbeite ich als Coach und Heilpraktikerin mit Menschen, die ähnliche Momente wie ich damals (und auch danach immer wieder) erleben. Viele stehen dann vor einem Scherbenhaufen ihrer Träume, im Beruf oder in der Beziehung oder haben Angst, wie es in der Welt inmitten all unserer Krisen weitergehen soll.

Ich bin dankbar, dass ich gelernt habe, dass es immer weitergeht – auch wenn wir gerade nicht sehen können, wie. Und dass ich selbst erlebt habe, dass wir mehr Wandlungsfähigkeit und Resilienz besitzen, als wir selbst glauben.

Ich bin aufgrund meiner Erfahrungen und der Begleitung anderer Menschen in sehr schwierigen Situationen auch tief entwicklungs- und lernoptimistisch … Gegenüber fixen Lebensplänen und Identitätsverwechslungen mit Rollen bin ich hingegen gesund misstrauisch geworden. Was wir letztlich lernen dürfen, wenn solche Träume scheitern, ist dass wir und das Leben immer größer sind als unsere Ideen davon.

Ja, es kann sehr weh tun, wenn etwas zerbricht, das uns wertvoll war und sehr ängstigen, wenn wir um etwas bangen, das uns lieb ist. Aber wenn wir Jahre später zurückblicken uns sagen „Auch das habe ich überlebt“, erkennen wir, wie resilient und stark wir sind.

Manchmal ist es auch befreiend und es entsteht aus einer großen, bangen Frage oder einem Verlust etwas Neues und vielleicht auch Schönes. Daher finde ich auch Lebenswege so faszinierend – und insbesondere die Spurensuche nach der Zuversicht, die oft fast unsichtbar bleibt, ausser in den dunkelsten Momenten.

7. Fazit: Was ich dir wünsche, wenn du gerade den Weg nicht siehst

Vielleicht stehst du gerade selbst an einem Punkt, an dem du nicht siehst, wie es weitergehen kann oder soll. Tatsächlich wünsche ich dir dann keine guten Ideen und schnellen Lösungen. Sondern dass du den Mut und die Neugier findest, den nächsten kleinen Schritt trotzdem zu gehen.

Oft erkennen wir erst im Rückblick, Jahre später, wohin uns dieser Schritt geführt hat.

Manchmal besteht Zuversicht nur aus einem einzigen Gedanken:

„When your dream is lost, you´ve got to hold on, because … all might not be lost.“

Ich weiß nicht, wie es weitergeht. Aber ich gehe trotzdem weiter.

P. S.: Der eingangs erwähnte Song schrieb sich übrigens rund 10 Jahre nach der ersten Zeile selbst fertig, binnen weniger Minuten. Es war wie eine innere Durchsage, nachdem ich jahrelang auf der ersten Zeile herummeditiert hatte.
Lust reinzuhören? Hier findest du den ganzen, finalen Song: HOLD ON
Wie es kam, dass meine Musikkarriere doch nicht endete, sondern dass ich zwei Alben mit meiner Musik aufnahm, kannst du hier lesen.

Teile gerne auch deine Gedanken und Inspirationen zum Thema Zuversicht in einem Kommentar.

Denn im Laufe der Jahre habe ich noch etwas über die Zuversicht gelernt: Sie wächst, wenn man sie teilt.

ByCornelia Lichtner

Über die Autorin: Cornelia Lichtner ist Expertin für Resilienz, Achtsamkeit und Intuition. Als Mentorin, Coach und Heilpraktikerin für Psychotherapie begleitet sie engagierte und werteorientierte Leader:innen dabei, achtsam und wirksam zu leben und zu arbeiten – ohne auszubrennen. Sie ist seit 15 Jahren zertifizierte Achtsamkeits-Lehrerin (MBSR), hat 20 Jahre Erfahrung im Corporate-Umfeld, einen akademischen Background in Philosophie und Literatur und ist künstlerisch als Singer-Songwriterin aktiv. Auf ihrem Blog teilt sie Impulse für gesunde Selbstführung, kreative und lösungsorientierte Perspektiven und Zukunftskompetenz in beruflichen Veränderungsprozessen. Mehr über Cornelia

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